Ein verhinderter Stromausfall in Großbritannien liefert den jüngsten Beweis fr eine alarmierende Entwicklung: Der globale Energiesektor gerät immer stärker ins Visier gezielter Sabotageakte. Mit der Dezentralisierung der Infrastrukturen steigen die Angriffspunkte für Hackergruppen dramatisch an. Sicherheitsexperten führender IT-Sicherheitsunternehmen ordnen die Lage ein und erklären, warum Betreiber kritischer Infrastrukturen ihre Sicherheitsstrategie jetzt grundlegend überdenken müssen – denn die Herausforderung besteht vermehrt in der gezielten Manipulation und Störung von Anlagen.
Dan Bird, EMEA Field CTO bei Horizon3.ai erklärt: „Dieser Angriff sollte als Warnung verstanden werden – Großbritannien ist ein Ziel für die offensive Cyberkriegsführung des Iran. Auch wenn dieser Vorfall offenbar einen kleinen Stromerzeuger und nicht das gesamte Stromnetz betroffen hat, ist die Botschaft klar: Kritische Infrastruktur und die sie versorgenden Lieferketten sind nun Freiwild. Cyberangriffe wie dieser bieten Angreifern die Möglichkeit, strategische Auswirkungen unterhalb der Schwelle eines kriegerischen Akts zu erzielen, und eine nachweisbare Zuordnung zu einem bestimmten Akteur oder Staat gestaltet sich schwierig. Ein gut getimter Angriff auf beispielsweise einen Energieversorger, Hersteller oder Logistikdienstleister kann die Lieferketten stören, die die Wirtschaft am Laufen halten – und das bei geringen Kosten und für die Aggressoren. Der nächste Angriff beschränkt sich möglicherweise nicht auf einen einzelnen Standort. Er könnte mehrere kleinere Betreiber gleichzeitig treffen oder einen bedeutenderen Teil des Energiesystems. Deshalb dürfen Organisationen in kritischen Lieferketten nicht davon ausgehen, dass sie zu klein oder zu unbedeutend sind, um ins Visier zu geraten. Die oberste Priorität bei der Verteidigung lautet: Finde die ausnutzbaren Lücken, bevor es ein Angreifer tut. Schwachstellen wird es immer geben, aber Organisationen müssen kontinuierlich prüfen, ob diese Schwächen echte Angriffspfade darstellen, und sie dann schließen, bevor sie den Betrieb, die Versorgung oder die nationale Widerstandsfähigkeit gefährden können.“
Gil Messing, Chief of Staff bei Check Point Software erläutert: “Die Einzelheiten des Angriffs sind noch nicht vollständig geklärt, er selbst und vor allem der Zusammenhang mit den Angriffen auf die Wasserversorgung in den USA bestätigen einen Trend. In unseren Messdaten von Sensoren sehen wir, dass der Energiesektor zusammen mit der Fertigungsbranche zu den am häufigsten angegriffenen Sektoren weltweit gehört. Die Zahl der Angriffe auf deren IT-Infrastrukturen ist im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gestiegen. Der Grund dafür ist, dass diese Infrastrukturen sehr vielfältig, dezentral sind und der Zugriff auf ein kritisches System wie dieses tatsächlich recht einfach sein kann, wenn es um einen der kleinen und weniger gut gesicherten Bestandteile geht. Wie bei dem nun bekannt gewordenen Vorfall, sind diese Systeme zwar Bestandteil eines wichtigen Energienetzes, aber für sich genommen sind sie sehr klein, lokal und verfügen manchmal nicht über die beste ‚Cyberhygiene‘, wie sie Netze oder kritische Infrastrukturen aufweisen.
Neena Sharma, Director of Customer and Product Marketing bei Filigran fügt hinzu: „Das Vorgehen des Iran gegen kritische Infrastrukturen war in der Vergangenheit eher durch symbolische, abstreitbare Störungen mit geringen Folgen gekennzeichnet als durch eskalierende Angriffe, die eine militärische Reaktion riskieren. Dieser viertägige Ausfall eines kleinen Stromgenerators passt genau in dieses Muster: Er reicht aus, um die Fähigkeiten zu demonstrieren und Entschlossenheit zu signalisieren, ist aber nicht groß genug, um eine nennenswerte Reaktion auszulösen. Wenn überhaupt, könnte die Wahl des Ziels selbst die Botschaft sein. Das Risiko für kritische Infrastrukturen konzentriert sich nicht mehr auf die „Kronjuwelen“ unter den Umspannwerken, sondern verteilt sich auf Hunderte kleinerer, weniger überwachter Anlagen, deren Zahl mit der Energiewende zunimmt.“
Damian Skeeles, Senior Solutions Architect bei Filigran verweist auf die Warnhinweise der Behörden: „Erst letzte Woche veröffentlichte die CISA die neueste Sicherheitswarnung AA26-231A zu Angreifern, die mithilfe von KI-generierten Skripten industrielle Steuerungssysteme angreifen, wie sie in solchen Kraftwerken zum Einsatz kommen. Unabhängig davon, ob diese PLCs bei diesem jüngsten Angriff eine Rolle spielten und ob der Iran in diesem Fall als Verantwortlicher bestätigt wird oder nicht, ist es sehr wahrscheinlich, dass solche Vorfälle in den kommenden Wochen und Monaten häufiger auftreten werden.“



