Das Programm des Online Fraud Forums am 17. September in Hamburg zeigte eine Verschiebung, die Fraud-Teams in Banken und im Handel seit Monaten spüren
Wer wissen wollte, was Betrugsbekämpfer in diesem Jahr tatsächlich beschäftigt, fand die Antwort in den Vortragsprogrammen der Branche. Beim Online Fraud Forum, das RISK IDENT am 17. September in Hamburg ausgerichtet hat, stand von acht inhaltlichen Programmpunkten genau einer im Zeichen einer Technologie. Alle übrigen kreisten um eine Frage, die in Fachdiskussionen lange als schwer greifbar galt. Wie professionell organisieren sich Täter inzwischen, und warum tut sich die Gegenseite so schwer damit, mitzuhalten?
Den Vormittag prägte der Blick auf die Täterstrukturen. Eine Staatsanwältin aus Rumänien beschrieb im Interviewformat, wie Scam-Organisationen intern aufgebaut sind und arbeitsteilig funktionieren. Im Anschluss schilderten zwei Ermittler der Animus Blue GmbH, wie sich ein internationales Fraud-Netzwerk aufdecken lässt, von der ersten Spur bis zur Zusammenarbeit mit Europol und dem FBI. Benjamin Cory von VISA argumentierte im selben Block, dass wirksame Betrugsbekämpfung nur im Verbund gelingt.
Am Nachmittag verschob sich der Fokus auf die eigene Branche. Auf dem Podium einer Diskussion über die Zielkonflikte moderner Betrugsprävention saßen Fachleute von RISK IDENT, Zalando, Santander und der Polizei Hamburg. Verhandelt wurde die Reibung zwischen dem Einsatz künstlicher Intelligenz, regulatorischen Vorgaben und dem Anspruch, ehrliche Kundschaft nicht mit zusätzlichen Hürden zu behelligen. Der Vortrag direkt danach trug den Titel „Du hast Recht. Und trotzdem kein Budget.” und beschäftigte sich damit, warum exzellentes Fachwissen allein nicht ausreicht, um im eigenen Unternehmen die richtigen Entscheidungen durchzusetzen.
„Die meisten Teams, mit denen wir sprechen, haben kein Erkenntnisproblem”, sagt Frank Heisel, CEO von RISK IDENT. „Sie wissen ziemlich genau, wo ihre Lücken sind. Was fehlt, ist Durchsetzungskraft im eigenen Haus und ein belastbarer Austausch über Branchengrenzen hinweg. Beides haben wir in diesem Jahr bewusst in den Mittelpunkt des Programms gestellt.”
Der eine technologische Beitrag des Tages fiel dabei aus dem gewohnten Rahmen. Dr. Sven Kurras, Director of Analytics bei RISK IDENT, hielt keinen Vortrag über KI-Agenten, sondern diskutierte auf der Bühne mit ihnen. Zur Debatte stand, welche Rollen solche Agenten in der Betrugsprävention übernehmen werden und wie Agentic Commerce die Unterscheidung zwischen legitimen und bösartigen Bots verändert. Kurras hatte seine Ausgangsthese vorab formuliert. „Die gefährlichste Annahme in der Fraud Prevention ist, dass Betrug die Ausnahme ist und nicht die Regel.”
Wie viel Aufklärungsarbeit daneben zu leisten bleibt, machte ein Impulsblock am späten Nachmittag deutlich, besetzt unter anderem mit der EURO Kartensysteme GmbH und der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. Eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Initiative Sicher Handeln vom Juli 2026 hatte ergeben, dass vier von zehn Befragten auf digitalen Kanälen bereits über Anzeigen für betrügerische Finanzprodukte gestolpert sind.
Die Verschiebung, die dieses Programm abbildete, reicht über einen einzelnen Veranstaltungstag hinaus. Solange Betrugsprävention als rein technische Aufgabe verhandelt wird, bleibt sie eine Abteilungsfrage, und Abteilungen konkurrieren um Budget und Aufmerksamkeit. Die Gegenseite kennt diese Grenze nicht. Sie arbeitet arbeitsteilig und über Branchengrenzen hinweg, und sie profitiert von jedem Unternehmen, das seine Erkenntnisse für sich behält. Wer daran etwas ändern will, muss Fraud-Wissen aus den Fachteams heraus in die Entscheidungsebenen tragen und es anschließend mit anderen teilen, auch mit dem Wettbewerb. Räume, in denen das ohne Rücksicht auf Wettbewerbslogik möglich ist, sind selten. Das Online Fraud Forum am 17. September in Hamburg war einer davon.



