Ein Erwachsener kann vergleichen. Er kennt ein Davor. Er erinnert sich an Wege ohne Protokoll, an Fehler ohne Archiv, an Anfänge ohne Akte. Ein Kind kennt das nicht. Wenn digitale Identität von Beginn an existiert, beginnt das Leben nicht mehr mit Offenheit, sondern mit Erfassung. Nicht sichtbar, nicht spürbar, aber wirksam.
Das Kind tritt nicht in die Welt. Es tritt in ein System. Am Anfang steht kein Name, sondern ein Eintrag. Kein Blick, sondern ein Datensatz. Kein Werden, sondern ein Profil mit Wachstum. Gesundheit, Entwicklung, Verhalten, Bildung. Alles gut gemeint. Alles begründet. Alles wie immer sehr korrekt.
Und doch verschiebt sich etwas Grundlegendes. Denn was gespeichert wird, bleibt. Was verknüpft wird, wirkt weiter. Und was früh beginnt, begleitet ein ganzes Leben. Ein Kind kann nicht widersprechen. Es kann nicht entscheiden, was es preisgibt. Es kann nicht sagen, was vergessen werden soll. Die digitale Identität kennt kein Vergessen. Sie kennt nur Erweiterung.
Alexander Tsolkas – Tsolkas IT Services GmbH & Co. KG und Gründer von Sectank
Fehler werden zu Markern. Abweichungen zu Hinweisen. Besonderheiten zu Eigenschaften. Nicht, weil jemand das will. Sondern weil Systeme so funktionieren. Was einmal da ist, wird genutzt. Was genutzt wird, wird bewertet. Was bewertet wird, beeinflusst Entscheidungen. Nicht heute. Nicht morgen. Aber irgendwann. Das Kind wächst in Bedingungen hinein, die es nicht selbst gesetzt hat.
Es lernt früh, dass Zugang von Gültigkeit abhängt. Dass Teilnahme geprüft wird. Dass Normalität messbar ist.
Freiheit aber entsteht nicht dort, wo alles gemessen wird. Sie entsteht dort, wo etwas offen bleibt.
Ein Mensch braucht einen Raum, in dem er scheitern darf, ohne dass es bleibt. Einen Raum, in dem er ausprobieren kann, ohne Eintrag. Einen Raum, in dem Entwicklung nicht nachvollzogen, sondern begleitet wird. Wenn dieser Raum verschwindet, verschwindet nicht das Leben. Aber es wird enger. Kinder wachsen dann nicht mehr in Möglichkeiten auf, sondern in Erwartungen. Nicht ausgesprochen. Nicht formuliert. Aber wirksam. Sie lernen, sich passend zu verhalten. Nicht aus Angst. Sondern aus Gewöhnung.
Die Frage ist nicht, ob Kinder geschützt werden sollen. Die Frage ist, wovor.
Vor Risiken, ja. Aber auch vor einer vollständigen Erfassung ihrer Person. Denn ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Daten.
Und ein Kind ist mehr als seine Prognose. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder vollständig digitalisiert, verliert nicht sofort ihre Menschlichkeit. Aber sie verschiebt ihr Menschenbild. Vom Wachsen zum Verwalten. Vom Begleiten zum Bewerten.
Dieser 4. Artikel stellt deshalb keine technische Frage. Er stellt eine stille.
Darf ein Mensch erst Mensch werden, bevor er erfasst wird? Oder beginnt seine Geschichte künftig als Datensatz?
Nach dem Datensatz bleibt eine Frage offen. Nicht nach Regeln. Nicht nach Kontrolle. Sondern nach Raum.
Denn selbst Erwachsene brauchen Orte, an denen sie nicht gemessen werden. An denen nichts gespeichert bleibt. An denen sie einfach sein dürfen.
Artikel 5 richtet den Blick auf das, was leise verschwindet, wenn alles sichtbar wird.
Auf den Schatten.
Morgen: Der verlorene Schatten.




