Interview mit Sebastian von Bomhard, Vorstand der SpaceNet AG, zur Bundeswehr-Partnerschaft mit US-Hyperscalern
Die digitale Souveränität von Unternehmen ist ein zunehmend wichtiges Thema in Deutschland und Europa. Im Rahmen der Digitalisierung und der Abhängigkeit von ausländischen Technologien und Anbietern stellt sich die Frage, wie souverän Deutschland und Europa wirklich sind. Ein aktuelles Beispiel dafür ist die Partnerschaft zwischen der Bundeswehr und dem US Hyperscaler Google. In diesem Interview spricht Sebastian von Bomhard, Vorstand der SpaceNet AG, über die Risiken und Chancen dieser Partnerschaft.
Frage: Herr von Bomhard, Google betont die physische Isolation der Air-Gapped-Lösung für die Bundeswehr und dass Updates nur über physische Datenträger erfolgen. Sehen Sie trotz dieser Maßnahmen fundamentale Souveränitätsrisiken, die auch durch eine Air-Gap-Architektur nicht behoben werden können?
Sebastian von Bomhard: Zunächst einmal geht es ja nicht nur um die technische digitale Souveränität der Bundeswehr, sondern einen Schritt weiter um die Wirkung nach außen. Kein Staat der Welt kann es sich aus meiner Sicht leisten, seine Armee und militärischen Installationen auf eine Technik zu stützen, die in einem anderen Land gewartet wird.
Lassen Sie mich ein historisches Beispiel nennen: Als die bayerischen Bahnen elektrifiziert werden sollten, haben die Generäle darauf hingewiesen, dass elektrische Lokomotiven aus Preußen bezogen werden müssten, eine heimische Produktion gab es nicht. Dampflokomotiven hingegen wurden in Bayern hergestellt und so bekam die bayerische Firma KraussMaffei den Auftrag und baute die besten Dampflokomotiven der Welt. 50 Jahre später sollten diese immer noch sehr erfolgreich eingesetzt werden. So wie die bayerischen Generäle im 19. Jahrhundert erkannten, dass eine eigene souveräne Industrie notwendig ist, um nicht nur die militärische Unabhängigkeit zu sichern, ist das heute auf die digitale Technologie übertragbar.
Frage: Die Bundeswehr argumentiert, dass die Integration von Google als zweitem Cloud-Anbieter neben der pCloudBw einer Multi-Cloud-Strategie dient und Vendor Lock-in, also die Abhängigkeit von einem einzigen Dienstleister, vermeiden soll. Wie bewerten Sie diese Argumentation angesichts der proprietären Technologie-Stacks und der langfristigen Abhängigkeiten, die entstehen könnten?
Sebastian von Bomhard: Das Problem, von einem einzigen Anbieter abhängig zu sein, ist natürlich kein spezifisches Google-Problem und einem Vendor Lock-in kann man nur begegnen, indem man Lösungen bei mehr als nur einem einzigen Anbieter einkauft – sei er inländisch oder ausländisch. So gesehen handelt die Bundeswehr hier richtig. Insgesamt trägt die Multi-Cloud-Strategie dazu bei, das Risiko des Vendor-Lock-Ins zu verringern und Unternehmen nicht nur mehr Unabhängigkeit, sondern auch mehr Flexibilität zu bieten.
Frage: Sie haben wiederholt die fehlenden europäischen Gegengewichte zu US-Hyperscalern kritisiert. Welche konkreten europäischen Technologien oder Anbieter hätten Ihrer Meinung nach das Potenzial gehabt, die Anforderungen der Bundeswehr zu erfüllen, und warum wurden diese möglicherweise nicht berücksichtigt?
Sebastian von Bomhard: Selbstverständlich gibt es in Europa Alternativen. Aber ausgerechnet bei der Bundeswehr sollte uns nicht primär der europäische Gedanke leiten, sondern zunächst einmal der nationale. Wenn nicht hier, wo ist sonst absolute Datensouveränität wichtig? Also müssen wir uns in Deutschland umschauen, was es hier gibt.
Selbstverständlich gibt es bei uns auch leistungsfähige Anbieter. Wir stehen hier allerdings grundsätzlich vor einem Henne-Ei-Problem: Aufgrund der Tatsache, dass deutsche Anbieter bei großen Staatsaufträgen selten berücksichtigt werden, tut sich die nationale Infrastruktur schwer, mit dem Wachstum der großen amerikanischen Konzerne Schritt zu halten.
Anders ist das bei den meisten unserer europäischen Nachbarn. In Frankreich, wo man ganz selbstverständlich französische Firmen mit französischen Projekten beauftragt. So ist dort ein potenzieller Anbieter entstanden, der es durchaus von der Größe her mit den anderen aufnehmen kann.
Eine deutsche Eigentümlichkeit ist der Mittelstand. Hier ist Deutschland traditionell führend. Und deshalb ergeben sich durchaus Alternativen: Die Software Allianz, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Zusammenschluss mittelständischer IT-Firmen, weit über den reinen Softwaregedanken aus Zeiten der Gründung hinaus. Hier ist ein Anbieter entstanden, der es an Größe, Bilanzsumme und Leistungsfähigkeit mit dem internationalen Wettbewerb aufnehmen kann.
Noch ein konkretes Beispiel: Einer der größten Anbieter von Collaboration Tools weltweit ist die Firma Nextcloud, die in Stuttgart gegründet wurde und inzwischen in Berlin sitzt. Viele Firmen im deutschen Mittelstand haben Nextcloud für sich entdeckt. Laut Umfrage der connect professionell ganz aktuell im Juli 2025 liegt die Collaboration-Lösung Nextcloud Hub 10 nach Microsoft Teams derzeit auf Platz 2. Das heißt: Nextcloud ist eine echte Alternative zu den US-Anbietern. Aber die Entscheidungskette beschreitet viel zu oft die etablierten Trampelpfade, an deren Ende der Name einer Lösung aus den USA steht, was an der Gesamtstrategie zweifeln lässt.
Frage: Während Deutschland bei Microsoft eine klare Kehrtwende vollzieht und die Software durch europäische Lösungen ersetzt, geht man mit einem US-Anbieter neue Partnerschaften ein. Wie erklären Sie sich diese scheinbar widersprüchliche Strategie, und was sagt dies über Deutschlands digitale Souveränitätspolitik aus?
Sebastian von Bomhard: Die deutsche digitale Souveränitätspolitik ist offensichtlich nicht sehr souverän. Wir sind hier in eine Falle getappt, wenn auch nur halb. Es gibt ja durchaus einen deutschen Anbieter, der als Schwergewicht gegen die amerikanischen Anbieter gesetzt ist, nämlich die Deutsche Telekom. Sie kann es zweifellos mit den amerikanischen Anbietern aufnehmen. Aber wenn man genau hinschaut, ist die Deutsche Telekom gar kein deutscher Anbieter mehr, sondern unterliegt genauso den amerikanischen Gesetzen. Interessanterweise scheint dies bei der Telekom dazu geführt zu haben, dass die Bundeswehr sich nicht zu stark auf sie verlassen möchte. Bei SAP jedoch, wo es nicht anders aussieht, ist jetzt der Deal zusammen mit Google eingetütet worden. SAP sitzt zwar offiziell in Walldorf, unterliegt aber – allein schon dadurch, dass sie an einer amerikanischen Börse gehandelt werden – ebenfalls amerikanischem Zugriff.
Die Amerikaner sind natürlich nicht per se unsere Gegenspieler – wirtschaftlich vielleicht, auf militärischer Ebene sicher nicht, schließlich sind wir alle in der NATO. Aber es geht um Souveränität. Hier werden wir die Quittung aus Amerika möglicherweise ziemlich bald erhalten. Das könnte zu einem Stresstest unserer Souveränität – ohne Vorwarnung und mit unsicherem Ausgang – werden.
Nicht zuletzt haben wir ein großes Wirtschaftsförderungspaket aufgelegt. Dann sollten wir doch auch überlegen, wie wir durch Beschaffung in einem Bereich, in dem wir vielleicht Nachholbedarf haben, ebendiesen verringern können. Das geht sehr gut, indem man gezielt Aufträge im eigenen Land behält. Normalerweise muss man in Europa die EU-Vergaberegeln beachten. Aber im Bereich Verteidigung darf man das umgehen – wenn es um echte Souveränität geht. Also um etwas, das man als Land unbedingt selbst kontrollieren will.
Frage: Wenn Sie die Entscheidungsgewalt hätten, welche drei konkreten Maßnahmen würden Sie auf nationaler und europäischer Ebene ergreifen, um die technologische Souveränität im Verteidigungsbereich zu stärken und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Bundeswehr auf modernste Technologien zugreifen kann?
Sebastian von Bomhard: Erstens müssen wir das angesprochene Henne-Ei-Problem durchbrechen. Wenn schon nicht in dieser Sache, so doch in den nächsten, indem wir immer wieder überlegen, wie man deutsche – nicht nur europäische – Anbieter an Bord bringen kann. Wenn man keinen einzelnen Anbieter findet, dann sollte man nach Zusammenschlüssen suchen. Da hatten wir vorhin die Software Allianz erwähnt, aber es gibt auch andere. Erst wenn das auch nicht realisierbar ist, kann man sich nach europäischen Lösungen umsehen. Die EU steht uns im Konfliktfall sicher noch näher als unser NATO-Partner Amerika, den wir heute in keiner Weise anzweifeln wollen – aber es geht um Souveränität.
Die zweite Maßnahme wäre, bei einer Cloud-First-Strategie immer auch im Gedächtnis zu behalten, wie resilient die Sache ist, die man macht. Da erinnere ich wieder an das Bild mit den bayerischen Generälen und der Elektrifizierung. Es ging nicht darum, dass wir den Preußen das Geschäft nicht gegönnt hätten, sondern dass bei einem möglichen bayerisch-preußischen Konflikt ein elektrifiziertes Bahnnetz sehr viel anfälliger ist als ein mit Dampfloks betriebenes. Das hört sich heute fast lustig an, aber aus damaliger Sicht war das eine absolut weise Entscheidung und hatte nichts mit Protektionismus zu tun.
Drittens brauchen wir eine echte Leuchtturmwirkung. Wenn wir souverän sein wollen, dann brauchen wir eine starke heimische Industrie. Wenn wir damit anfangen, stark und heimisch dadurch zu werden, dass wir Aufträge wieder auf bekannten, nicht-deutschen Bahnen vergeben, dann ist das schwierig. Man muss hier erst einmal ankurbeln – und das sage ich nicht nur aus Eigeninteresse, sondern vor allem aus dem Interesse der nationalen Souveränität.
Ich bin selbst erstaunt, wie oft ich heute das Wort “national” in den Mund genommen habe. Internationalität ist der Geist des Internets, schon immer. Die Franzosen und Amerikaner sind unsere guten Freunde, aber wenn es um Souveränität geht, können wir diese nur selbst herstellen. Es ist eine Sache der Logik – und wieder verweise ich auf die bayerischen Generäle, die damals Recht hatten. Si vis pacem, para bellum – wenn du Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor.
Sebastian von Bomhard ist Gründer und Vorstand von SpaceNet, einem Managed Service Provider und Rechenzentrumsanbieter aus München. Er engagiert sich seit Jahren für digitale Souveränität und Datenschutz.



