Artikelserie Digital ID – Artikel 19 – Digitale Identität und programmierbares Geld

Futuristische digitale Identität in grün

Mit Artikel 17 wurde die monetäre Architektur sichtbar gemacht. Mit Artikel 18 wurde gezeigt, dass digitale Identität zur Zugriffsebene dieser Architektur wird. Doch erst in ihrer Kopplung entsteht die eigentliche Systemveränderung. Digitale Identität allein ist Registrierung. Programmierbares Geld allein ist technische Funktionalität. Zusammen bilden sie eine Steuerungsarchitektur. Solange Geld nicht eindeutig einer Person zugeordnet ist, bleibt es infrastrukturell, aber nicht personalisiert steuerbar. Solange Identität nicht mit Transaktionsfähigkeit verbunden ist, bleibt sie verwaltungstechnisch. Erst wenn jede Zahlung an eine verifizierte Identität gebunden ist und Transaktionen Bedingungen tragen können, entsteht eine neue Qualität ökonomischer Ordnung.

Alexander Tsolkas – Gründer von Sectank – Berater Informationssicherheit und Datenschutz –  5-facher Buchautor von u.a. Identity Management – Rollen und Berechtigungskonzepte. 

Diese Entwicklung ist keine abstrakte Theorie. Sie existiert bereits in Teilbereichen.

In der Europäischen Union ist eine eindeutige Identitätsprüfung Voraussetzung für jede Kontoeröffnung. Ohne KYC-Verfahren kein Konto, ohne Konto keine digitale Zahlung. Wird eine Identitätsprüfung als unzureichend bewertet oder entsteht ein regulatorischer Verdacht, kann ein Konto gesperrt oder eingeschränkt werden. Die betroffene Person kann Vermögen besitzen, aber faktisch nicht am elektronischen Zahlungsverkehr teilnehmen.
In Indien ist das Aadhaar-System mit Bankkonten und staatlichen Transferleistungen verknüpft. Sozialleistungen werden ausschließlich an verifizierte Identitäten ausgezahlt. In dokumentierten Fällen führten technische Probleme bei biometrischer Identifikation dazu, dass berechtigte Personen keinen Zugang zu Leistungen erhielten. Identität ist hier unmittelbar mit Zahlungsfähigkeit verbunden.
In Schweden ist Bargeld im Alltag weitgehend verdrängt. Zahlung, Vertragsabschluss und viele Dienstleistungen setzen eine digitale Identität wie BankID voraus. Wer keinen Zugriff auf dieses System hat, ist von wesentlichen ökonomischen Prozessen ausgeschlossen.

Parallel dazu existieren längst programmierbare Zahlungsfunktionen. In China wurden im Rahmen von Pilotprojekten zum digitalen Yuan staatliche Stimulus-Zahlungen mit einem Ablaufdatum versehen. Nicht genutzte Beträge verfielen. In westlichen Staaten sind Sozialleistungen teilweise zweckgebunden. Mit digitaler Infrastruktur ließen sich solche Zweckbindungen vollständig automatisieren, sodass das System bereits vor Ausführung entscheidet, ob eine Zahlung zulässig ist. Smart-Contract-Technologien zeigen seit Jahren, dass Zahlungen an Bedingungen geknüpft werden können. Auszahlungen erfolgen nur bei erfüllten Parametern. Technisch ist dies kein Zukunftsszenario, sondern etablierte Praxis.

Die entscheidende Veränderung entsteht jedoch durch die Verbindung beider Ebenen. Wenn eine Zahlung eindeutig einer verifizierten Person zugeordnet ist und zugleich Bedingungen tragen kann, entsteht ein personalisiertes Regelwerk. In einem solchen System entscheidet nicht mehr nur, ob Guthaben vorhanden ist. Es entscheidet auch, ob der Identitätsstatus gültig ist, ob regulatorische Parameter erfüllt sind und ob die Transaktion innerhalb der zulässigen Kriterien liegt. Zahlungsfähigkeit wird damit konditional. Der Unterschied zu früher liegt im Zeitpunkt der Kontrolle. Regulierung griff bislang nachgelagert ein. Verstöße wurden festgestellt, Sanktionen verhängt, Gerichte angerufen. In einer identitätsgebundenen, programmierbaren Geldarchitektur erfolgt die Prüfung vor der Ausführung. Die Transaktion wird nicht nachträglich bewertet, sondern vorab zugelassen oder verhindert.

Banken arbeiten bereits heute mit internen Risikoeinstufungen. Transaktionsmonitoring-Systeme analysieren Zahlungsströme in Echtzeit. Algorithmen markieren Auffälligkeiten und lösen Prüfprozesse aus. Die Folge können Verzögerungen, zusätzliche Dokumentationsanforderungen oder Kontosperren sein. Diese Prozesse sind Bestandteil regulierter Finanzpraxis. Im Jahr 2022 wurden in Kanada im Kontext der „Freedom Convoy“-Proteste Bankkonten von Unterstützern eingefroren. Die Identitäten waren bekannt, die Zahlungshistorie nachvollziehbar, und der Zugriff wurde technisch unterbunden. Unabhängig von der politischen Bewertung zeigt dieses Beispiel die operative Wirkung einer identitätsgebundenen Finanzinfrastruktur. Zahlungsfähigkeit kann unmittelbar eingeschränkt werden.

In einem solchen System entscheidet zunehmend der Status. Ein Konto kann als in Prüfung markiert sein. Eine Identität kann vorübergehend eingeschränkt werden. Eine Transaktion kann aus Compliance-Gründen zurückgestellt werden. Diese Zustände wirken sofort. Wer betroffen ist, kann nicht zahlen, auch wenn kein rechtskräftiges Urteil vorliegt. Technisch erscheint dies effizient. Missbrauch kann verhindert, Betrug reduziert und regulatorische Anforderungen automatisiert erfüllt werden. Doch strukturell bedeutet es, dass wirtschaftliche Handlungsfähigkeit von einer permanenten Konformitätsprüfung abhängt. Geld wird nicht nur digital, sondern situativ regulierbar.

In Verbindung mit Identitätsprofilen können Risikobewertungen Zahlungswege priorisieren, verzögern oder blockieren. Internationale Beispiele wie das chinesische Sozialkreditsystem zeigen, wie Statusbewertungen Zugang zu Dienstleistungen beeinflussen können. Überträgt man diese Logik auf ein vollständig identitätsgebundenes Zahlungssystem, wird deutlich, welches Steuerungspotenzial entsteht. Die entscheidende Veränderung liegt nicht in einer einzelnen Funktion, sondern in der Systemlogik. Wenn Identität und Geld vollständig integriert sind, entsteht ein Raum, in dem ökonomische Freiheit nicht abgeschafft, sondern unter Bedingungen gestellt wird. Wer innerhalb der definierten Parameter bleibt, bemerkt keinen Unterschied. Wer außerhalb fällt, verliert Handlungsspielraum.

Damit verschiebt sich Macht weiter von sichtbaren politischen Entscheidungen in technische Infrastrukturen. Es braucht keine spektakulären Eingriffe. Es genügt die Definition von Kriterien. Wer diese Kriterien festlegt, gestaltet faktisch die Reichweite ökonomischer Teilhabe. Die demokratische Frage lautet daher nicht, ob digitale Identität und programmierbares Geld Vorteile bieten. Sie lautet, wer über ihre Kopplung entscheidet, wie transparent ihre Regeln sind und welche Instanz über Fehlentscheidungen oder Statusänderungen wacht. Ohne klare Verantwortlichkeit entsteht eine Ordnung, in der Zahlungsfähigkeit nicht mehr selbstverständlich ist, sondern ein fortlaufend validierter Zustand.

Artikel 19 zeigt damit die operative Verschmelzung von Struktur und Zugriff. Die monetäre Architektur erhält eine persönliche Dimension. Und genau dort beginnt die nächste Stufe der Entwicklung.

Wenn Zahlungsfähigkeit vom Identitätsstatus abhängt, stellt sich die nächste Frage: Nach welchen Kriterien wird dieser Status gebildet? In dem nächsten Artikel 20 wird untersucht, wie aus dem Bürger ein Profil wird und wie algorithmische Risikoscores, KYC-Verfahren und automatisierte Bewertungssysteme zunehmend darüber entscheiden, wer als vertrauenswürdig gilt und wer nicht.