Artikelserie Digitale ID – Artikel 10 – Der berechnete Mensch

ChatGPT Image 15. Jan. 2026, 16_40_18

Niemand hat eines Tages entschieden, dass der Mensch berechnet werden soll. Es gab keinen Beschluss, keine Ankündigung, keinen Moment, an dem man hätte sagen können: “Ab jetzt geschieht etwas Grundsätzliches”. Stattdessen entstand diese Entwicklung leise, Schritt für Schritt, getragen von guten Gründen und vernünftigen Argumenten.

Zuerst wurden Dinge gezählt, dann Vorgänge, dann Verhalten. Nicht, um zu kontrollieren, sondern um zu verstehen. Was häufig vorkommt, lässt sich optimieren. Was sich wiederholt, lässt sich vereinfachen. Was messbar ist, gilt als handhabbar. In diesem Denken liegt nichts Bedrohliches, sondern der Kern moderner Organisation.

Irgendwann aber begann man, nicht mehr nur Abläufe zu betrachten, sondern den Menschen selbst als Träger von Mustern zu lesen. Nicht als Individuum, sondern als Summe von Wahrscheinlichkeiten. Ein Klick sagt etwas aus, ein Kauf ebenfalls, ebenso ein Weg, eine Pause, ein Zögern. Jedes einzelne Signal ist belanglos, doch in der Verbindung entsteht ein Bild, das stabiler ist als jede Selbstauskunft.

Der berechnete Mensch entsteht nicht durch ein einzelnes Datum, sondern durch Verknüpfung. Dort, wo Systeme nicht mehr fragen, sondern erwarten. Nicht mehr wissen wollen, was jemand will, sondern berechnen, was er vermutlich tun wird. Je besser diese Vorhersagen funktionieren, desto überflüssiger wird die offene Frage.

Für den Menschen fühlt sich das zunächst nicht wie ein Verlust an. Im Gegenteil: Vieles passt besser. Empfehlungen wirken treffender, Abläufe werden reibungsloser, Entscheidungen gehen schneller. Hürden verschwinden, Reibung nimmt ab. Der Alltag wird komfortabler, übersichtlicher, scheinbar freier.

Doch mit der Zeit entsteht ein leises Unbehagen. Kein klarer Schmerz, sondern ein diffuser Eindruck, dass Entscheidungen zwar einfacher werden, aber auch enger. Dass Möglichkeiten vorhanden sind, sich aber immer wieder ähneln. Dass man selten überrascht wird, weder vom System noch zunehmend von sich selbst.

Alexander Tsolkas – Tsolkas IT Services GmbH & Co. KG, Gründer von Sectank

Denn der berechnete Mensch begegnet sich nicht mehr im Spiegel, sondern im Profil. Vergangenes Verhalten wird zur Grundlage zukünftiger Annahmen, vermiedene Entscheidungen werden zu stabilen Mustern. Und Muster mögen keine Ausreißer. Sie sind darauf ausgelegt, Abweichung zu minimieren, nicht zu verstehen.

Solange der Mensch innerhalb dieser Erwartungen bleibt, funktioniert alles reibungslos. Schwierigkeiten entstehen nicht durch Fehler, sondern durch Unerwartetes. Nicht durch falsches Verhalten, sondern durch solches, das nicht ins Bild passt. Und genau hier beginnt eine stille Verschiebung.

Der Mensch lernt, ohne dass ihm etwas beigebracht wird. Er spürt, dass bestimmte Entscheidungen mehr Aufwand bedeuten, dass manche Wege komplizierter sind, dass Abweichungen Reibung erzeugen. Niemand verbietet etwas, niemand tadelt. Es kostet einfach mehr Zeit, mehr Energie, mehr Erklärungsaufwand.

Darauf reagiert der Mensch nicht mit Widerstand, sondern mit Anpassung. Nicht aus Angst, sondern aus Erschöpfung. Er meidet das, was sich unnötig schwierig anfühlt, und bewegt sich innerhalb dessen, was funktioniert. So entsteht Selbstoptimierung ohne Befehl und Konformität ohne Zwang.

Der berechnete Mensch ist nicht unfrei. Er ist vorhersehbar. Und Vorhersehbarkeit ist die stabilste Form von Ordnung, die eine Gesellschaft kennen kann.

Ihm wird nichts weggenommen. Vielmehr wird ihm etwas vorweggenommen! Möglichkeiten, die er nie ausprobieren wird, Wege, die er nicht mehr einschlägt, Gedanken, die keinen Widerhall finden. Nicht, weil sie verboten wären, sondern weil sie nicht vorgesehen sind.

Das Beunruhigende daran ist nicht Leid, sondern Gleichmut. Der berechnete Mensch empfindet keinen Verlust, weil er ihn nicht bemerkt. Freiheit verschwindet hier nicht durch Angriff, sondern durch Gewöhnung. Sie wird nicht eingeschränkt, sondern irrelevant.

Dieser Artikel stellt deshalb keine technische Frage, sondern eine zutiefst menschliche. Was bleibt vom Menschen, wenn alles über ihn berechnet werden kann, außer dem, was ihn unberechenbar macht? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, in der Unberechenbarkeit nicht mehr als Ausdruck von Lebendigkeit gilt, sondern als Störung im System?

Wenn Verhalten berechnet wird, braucht es keine Kontrolle mehr. Der nächste Schritt ist unscheinbar, aber endgültig. Der Mensch wird nicht überwacht. Er wird verwaltet. Nicht als Person. Als Vorgang.

Lesen Sie morgen in Artikel 11 – Der Verwaltungsbürger. Über Menschen, die nicht mehr angesprochen, sondern abgewickelt werden.