Artikelserie Digitale ID – Artikel 9 – Interview mit Ulrich Ahle

Futuristische digitale Identität in grün

Mit diesem neunten Artikel beginnt ein neuer Abschnitt dieser Serie. Zwanzig Texte, zehn Gespräche. Nicht als Gegenüberstellung, sondern als Vertiefung. Nicht um zu bestätigen, sondern um zu verstehen. Es ist ein besonderes Privileg, dieses erste Interview mit Ulrich Ahle zu führen.


Ulrich Ahle – CEO von Gaia-X

Ulrich ist eine renommierte Führungskraft in der IT-Branche und war zuvor Vice President und Leiter des Geschäftsbereichs Manufacturing und Industrie 4.0 bei Atos in Deutschland. Er ist außerdem Gründer und Vorstandsmitglied der International Data Spaces Association in Deutschland.

Nach einer Ausbildung zum Werkzeugmacher bei der Hella KG studierte er Maschinenbau an der Universität Paderborn. In seiner beruflichen Laufbahn bekleidete Ulrich verschiedene Positionen als Entwicklungsingenieur, Vertriebsleiter und Vice President. Er war unter anderem bei der Nixdorf Computer AG, Siemens und Atos tätig. Von Januar 2017 bis Ende 2023 war Ulrich Ahle Vorstandsvorsitzender der FIWARE Foundation mit Sitz in Berlin, Deutschland.

Seit November 2023 ist Ulrich CEO der Gaia-X Assoziation mit Sitz in Brüssel, Belgien. https://www.linkedin.com/in/ulrichahle   Ulrich.ahle@gaia-x.eu   0049-174-1533348


Ulrich Ahle steht – auch für mich persönlich sehr – seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Technologie, Industrie und gesellschaftlicher Verantwortung. Als CEO von Gaia-X trägt er heute eine der zentralen europäischen Initiativen mit, die sich dem Aufbau sicherer, föderierter und datenschutzorientierter Datenräume verschrieben hat. Sein beruflicher Weg – von Industrie 4.0 über internationale Dateninfrastrukturen bis zur europäischen Governance – ist geprägt von der Frage, wie digitale Systeme gestaltet werden müssen, damit sie dem Menschen dienen und nicht über ihn verfügen.

Gerade deshalb ist seine Stimme für diese Serie so bedeutsam. Denn Gaia-X steht nicht für Überwachung, sondern für Souveränität. Nicht für Zentralisierung, sondern für föderierte Kontrolle. Nicht für Zwang, sondern für Vertrauen. Und genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Frage dieser Artikelreihe. Wo verläuft die Grenze zwischen Schutz und Steuerung, zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen technischer Möglichkeit und gesellschaftlicher Verantwortung?

Dieses Interview ist kein Widerspruch zu den vorangegangenen Texten. Es ist ihre notwendige Ergänzung.

Nach den Betrachtungen über Identität, Schatten, Geld, Zeit und den unsichtbaren Abzug richtet sich der Blick nun auf diejenigen, die solche Systeme entwerfen, verantworten und absichern. Nicht, um sie zu konfrontieren, sondern um ihre Haltung sichtbar zu machen. Was bedeutet Privatsphäre in einer vernetzten Welt? Wie lassen sich sichere Datenräume bauen, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen? Und wo liegt für einen Architekten digitaler Infrastruktur die Grenze, jenseits derer Technik nicht weitergehen darf?

Artikel 9 führt deshalb erstmals eine zweite Stimme ein. Eine Stimme aus der Gestaltung, nicht aus der Theorie. Aus der Verantwortung, nicht aus der Distanz. Es ist der Beginn der Gespräche.

Sectank: Sie haben Gaia-X mit dem Anspruch auf Föderation, Datenschutz und Selbstbestimmung mit geprägt. Wo sehen Sie heute die größte Gefahr, dass gute technische Architektur politisch oder administrativ überdehnt wird? Ulrich: Die größte Gefahr entsteht, wenn Systeme, die ursprünglich für Wahlfreiheit, Interoperabilität und Vertrauen gebaut wurden, schrittweise zu Instrumenten der Durchsetzung werden. Das passiert selten durch einen einzigen Beschluss, sondern eher durch „Scope Creep“: zusätzliche Anforderungen, neue Zweckbindungen, administrative Vereinfachung – und plötzlich wird aus einer ermöglichenden Architektur eine kontrollierende Infrastruktur. Aus Gaia-X-Sicht ist deshalb entscheidend, dass technische Föderation mit klarer Governance, Transparenz und Zweckbindung einhergeht. Gute Architektur kann viel absichern, aber sie ersetzt keine klare Grenze zwischen „ermöglichen“ und „erzwingen“.

Sectank: Ab welchem Punkt wird eine digitale Identität aus Ihrer Sicht nicht mehr ein freiwilliges Werkzeug, sondern eine strukturelle Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe? Ulrich: Sobald reale Alternativen verschwinden. Das muss nicht zwingend eine formale Pflicht sein. Wenn zentrale Lebensbereiche – Bank, Mobilität, Gesundheit, Bildung, Wohnen oder Behördenleistungen – faktisch nicht mehr ohne digitale Identität nutzbar sind, wird „Freiwilligkeit“ rein theoretisch. Aus einer föderierten Perspektive sind Wahlmöglichkeiten und Kontexttrennung zentral: Identität sollte nicht zu einem universellen Schlüssel werden, der überall vorausgesetzt wird.

Sectank: Ist eine verpflichtende staatliche digitale Identität aus Ihrer Sicht mit föderierten Identitätsmodellen wie Gaia-X grundsätzlich vereinbar? Ulrich: Rein technisch kann eine staatlich ausgegebene Identität in einem föderierten Modell existieren – wenn sie eine Option unter mehreren bleibt und streng zweckgebunden eingesetzt wird. Grundsätzlich lebt Föderation aber davon, dass Kontrolle verteilt ist und keine einzige Instanz zum unvermeidbaren Gatekeeper wird. Gaia-X ist nicht dafür da, Pflichtmodelle zu propagieren, sondern um vertrauenswürdige Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Akteuren zu ermöglichen.

Sectank: Wie bewerten Sie die Kopplung digitaler Identität mit digitalen Wallets, Zahlungssystemen oder staatlich kontrollierten Konten? Ulrich: Das geht inhaltlich über den Zuständigkeitsrahmen von Gaia-X hinaus. Gaia-X entwickelt oder betreibt keine Zahlungssysteme, Wallets oder monetären Infrastrukturen, daher kann und möchte ich dazu keine detaillierten Bewertungen oder politischen Schlussfolgerungen ziehen. Was ich als allgemeines Prinzip sagen kann: Je stärker Identität und finanzielle Funktionen gekoppelt werden, desto höher sind die Anforderungen an Transparenz, Gewaltenteilung, Rechtsmittel und klare Zweckbindung. Diese Debatte sollte jedoch dort geführt werden, wo demokratische und rechtliche Mandate für Geld- und Finanzsysteme liegen.

Sectank: Sehen Sie programmierbares Geld primär als neutrales technisches Feature – oder als potenzielles gesellschaftliches Steuerungsinstrument? Ulrich: Auch das fällt nicht in den Mandatsbereich von Gaia-X, und ich kann dazu nicht als Gaia-X-CEO Stellung beziehen. Gaia-X adressiert Daten- und Cloud-Governance, nicht Geldpolitik oder finanzielle Steuerungsinstrumente. Ganz allgemein – als persönliche Beobachtung – hängt der gesellschaftliche Effekt programmierbarer Systeme weniger an der Technik als an Governance: Wer definiert Regeln, wer kann sie ändern, und welche wirksamen Ausweich- und Rechtswege existieren? Für eine belastbare Einordnung braucht es aber die Perspektive von Gesetzgebern und Finanzinstitutionen.

Sectank: Was verändert sich aus Ihrer Sicht grundlegend, wenn Bürger nicht nur Nutzer von Geldsystemen sind, sondern über technisch regulierbare Staatskonten verfügen? Ulrich: Das ist eindeutig außerhalb des Gaia-X-Scopes und berührt staatliche Finanz- und Geldordnung. Dazu möchte ich nicht spekulieren oder Szenarien bewerten, weil das nicht in meine Zuständigkeit fällt und leicht missverstanden werden könnte.

Sectank: Halten Sie Szenarien für realistisch, in denen Menschen nicht durch Gesetze, sondern durch technische Gültigkeitsmechanismen faktisch ausgeschlossen werden – und wie ließe sich dem vorbeugen? Ulrich: Ja, solche Szenarien sind realistisch, teilweise sehen wir Vorformen bereits: Entscheidungen, die über technische Validierung laufen, können faktisch ausschließen, ohne dass dies als klassischer Rechtsakt wahrgenommen wird. Vorbeugung erfordert aus meiner Sicht drei Dinge: erstens Transparenz und Auditierbarkeit, zweitens menschliche Aufsicht und wirksame Rechtsmittel, drittens die bewusste Vermeidung von Monopolen bei Identität und Zugangssystemen. Föderation ist hier ein Schutzmechanismus, weil sie Macht verteilt und alternative Zugänge ermöglicht.

Sectank: Sollte es aus Ihrer Sicht einen besonders geschützten Raum geben, in dem Kinder ohne dauerhafte digitale Identität aufwachsen können? Ulrich: Das liegt nicht im Mandat von Gaia-X, aber ich kann eine persönliche Einschätzung geben: Ja, Kinder sollten Räume haben, in denen Entwicklung ohne permanente digitale Spur möglich ist. Kindheit braucht die Möglichkeit, Fehler zu machen, sich zu verändern und Neues auszuprobieren, ohne dass alles lebenslang verknüpft bleibt. Technisch bedeutet das: Identität für Minderjährige – wenn überhaupt – sollte strikt begrenzt, widerrufbar und nicht persistent sein, mit klaren Grenzen für Verknüpfung und Profilbildung.

Sectank: Viele Systeme sind technisch sauber, scheitern aber an Governance. Wo sehen Sie aktuell die größere Machtverschiebung: in der Technik selbst oder in ihrer politischen Nutzung? Ulrich: Die größere Machtverschiebung sehe ich in der politischen und administrativen Nutzung, nicht in der Technik an sich. Technik skaliert Absichten – sie schafft sie nicht. Deshalb ist Governance so entscheidend: Wer entscheidet, wer kontrolliert, wer kann widersprechen? Viele Systeme sind technisch sauber, scheitern aber daran, dass Verantwortlichkeiten, Transparenz und Korrekturmechanismen unklar sind.

Sectank: Ganz persönlich gefragt: Gibt es für Sie eine klare Grenze, an der digitale Innovation endet, weil sie mit menschlicher Freiheit nicht mehr vereinbar ist? Ulrich: Für mich endet Innovation dort, wo sie Menschen reale Wahlfreiheit nimmt, wo Opt-out praktisch unmöglich wird oder wo Teilnahme nur noch über dauerhafte, allgegenwärtige Validierung funktioniert.
Innovation sollte Handlungsspielräume erweitern – nicht konditionieren. Diese Haltung prägt auch, warum ich Föderation, Transparenz und Kontrolle durch die Nutzer als zentrale Prinzipien betrachte.

Wir bedanken uns für das aufschlussreiche erste Interview zu unserer Artikelserie und wünschen weiterhin viel Erfolg für Gaia-X und für Sie.