IEC 62443 – Wenn Sicherheit verkauft wird und weshalb Vertrieb und Technik dieselbe Sprache benötigen

industry-3087393_1920

In vielen Unternehmen verläuft eine unsichtbare Trennlinie zwischen Technik und Vertrieb. Auf der einen Seite stehen Ingenieure, Architekten und Betriebsteams, die sich mit Systemen, Risiken und Abhängigkeiten beschäftigen. Auf der anderen Seite steht der Vertrieb, der Lösungen erklären, Mehrwert vermitteln und Vertrauen schaffen soll. Solange Sicherheit ein Randthema war, ließ sich diese Trennung überbrücken. Heute funktioniert das nicht mehr.

Sicherheit ist längst kein rein technisches Merkmal mehr. Sie ist Teil regulatorischer Anforderungen, Teil von Ausschreibungen, Teil von Haftungsfragen und zunehmend Teil von Kaufentscheidungen. Kunden fragen nicht mehr nur nach Funktionalität, sondern nach Nachweisbarkeit, Updatefähigkeit, Verantwortlichkeiten und langfristiger Betriebssicherheit. Genau an dieser Stelle geraten viele Organisationen ins Stocken, weil ihre interne Sprache nicht konsistent ist.

Ein häufiges Problem ist, dass Sicherheit entweder zu technisch oder zu vage kommuniziert wird. Technische Teams sprechen über Protokolle, Architekturen und Normabschnitte, während der Vertrieb versucht, diese Inhalte zu vereinfachen oder zu vermeiden. Das Ergebnis sind Aussagen, die entweder überfordern oder wenig belastbar sind. Beides untergräbt Vertrauen – intern wie extern.

Eine funktionierende Verbindung zwischen Technik und Vertrieb beginnt nicht mit Argumenten, sondern mit Verständnis. Der Vertrieb muss wissen, welche Eigenschaften eines Systems tatsächlich relevant sind und warum sie existieren. Nicht im Detail, aber im Prinzip. Wenn klar ist, welche Annahmen einer Architektur zugrunde liegen, welche Risiken adressiert wurden und wo bewusst Grenzen gezogen sind, lässt sich Sicherheit sachlich und glaubwürdig erklären, ohne in technische Tiefe abzugleiten.

Gleichzeitig profitieren technische Teams davon, wenn sie verstehen, wie ihre Entscheidungen nach außen wirken. Eine Sicherheitsmaßnahme ist nicht nur ein Kontrollmechanismus, sondern auch eine Aussage darüber, wie ein Produkt betrieben, gewartet und erweitert werden kann. Wird diese Wirkung nicht erklärt, entsteht beim Kunden schnell der Eindruck von Einschränkung oder Komplexität. Wird sie richtig eingeordnet, wird dieselbe Maßnahme zum Ausdruck von Reife und Verlässlichkeit.

Besonders sichtbar wird dieser Zusammenhang in Ausschreibungen und Kundengesprächen. Dort zählen weniger Superlative als Konsistenz. Kunden erwarten keine perfekten Systeme, sondern nachvollziehbare Konzepte. Sie wollen verstehen, wie mit Updates umgegangen wird, wie Änderungen bewertet werden und wie Verantwortung verteilt ist. Vertrieb, der diese Zusammenhänge erklären kann, ohne sie zu beschönigen, wirkt glaubwürdig. Vertrieb, der sie vermeidet, wirkt unsicher.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Umgang mit Grenzen. Gute Sicherheitskommunikation bedeutet nicht, alles zu versprechen, sondern klar zu benennen, was ein System leisten kann – und was nicht. Diese Klarheit schützt nicht nur vor falschen Erwartungen, sondern auch vor späteren Konflikten. Sie setzt allerdings voraus, dass Technik, Produktmanagement und Vertrieb intern abgestimmt sind und dieselben Grundannahmen teilen.

Organisationen, denen diese Abstimmung gelingt, verändern ihre Außenwirkung spürbar. Sicherheit wird nicht als Zusatz oder Hemmnis wahrgenommen, sondern als integraler Bestandteil eines durchdachten Systems. Der Vertrieb gewinnt an Substanz, weil Aussagen belastbar sind. Die Technik gewinnt an Wirkung, weil ihre Entscheidungen verstanden werden. Und der Kunde gewinnt Vertrauen, weil er merkt, dass hier nicht verkauft, sondern erklärt wird.

In einer Welt zunehmender Regulierung und technischer Vernetzung wird diese Fähigkeit entscheidend. Sicherheit lässt sich nicht mehr delegieren – weder an Technik noch an Vertrieb allein. Sie entsteht dort, wo beide Seiten dieselbe Sprache sprechen und dieselbe Verantwortung tragen.