IEC 62443 – Von SR 1.1 bis SR 7.x und wie man Security Requirements technisch übersetzt

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Normen wie die IEC 62443 formulieren Sicherheitsanforderungen bewusst abstrakt. Sie beschreiben Ziele, keine Produkte. Genau darin liegt ihre Stärke – und zugleich die größte Herausforderung für Organisationen. Denn zwischen einem normativen Satz und einer funktionierenden technischen Umsetzung liegt ein weiter Weg, der strukturiert gegangen werden muss.

Die Übersetzung beginnt immer mit Verständnis. Ein Requirement fordert etwa Identifikation und Authentisierung, ohne festzulegen, wie diese technisch realisiert werden soll. In der Praxis bedeutet das, dass jede Umgebung zunächst klären muss, wer oder was in einem System überhaupt eine Identität besitzt. In einem Stromnetz kann das ein Schutzrelais oder eine Trafostation sein, im Wasserwerk ein Pumpencontroller, im Verkehrssystem ein Ampelrechner, in der Bahn ein Stellwerksmodul oder in der Industrie ein Steuerungs- oder Softwareservice. Erst wenn diese Identitäten eindeutig definiert sind, lässt sich entscheiden, wie Zugriffe kontrolliert werden und wie Missbrauch verhindert wird.

Ähnlich verhält es sich mit Anforderungen an Zugriffskontrolle. Die Norm verlangt nicht, dass ein bestimmtes Werkzeug eingesetzt wird, sondern dass Zugriffe nachvollziehbar, begrenzt und überprüfbar sind. Technisch kann das bedeuten, dass in einem Leitstand nicht mehr alle Bediener mit denselben Zugangsdaten arbeiten, sondern dass Aktionen einzelnen Rollen zugeordnet werden. In einer Verkehrsleitstelle lässt sich so klar unterscheiden, wer Anzeigen konfigurieren darf und wer nur beobachten kann. In einem Logistikzentrum wird sichtbar, wer Fahrbefehle an autonome Systeme geben darf und wer lediglich Diagnosedaten einsehen kann.

Andere Anforderungen betreffen die Integrität von Kommunikation und Daten. Auch hier bleibt die Norm offen, fordert aber, dass Manipulationen erkannt oder verhindert werden. In der Praxis zeigt sich das etwa in Wasser- oder Energieanlagen, bei denen Messwerte nicht nur übertragen, sondern auch auf Plausibilität geprüft werden. Eine Architektur, die erkennt, dass Werte plötzlich außerhalb physikalisch möglicher Grenzen liegen, erfüllt den normativen Anspruch deutlich besser als ein System, das Daten ungeprüft weiterreicht.

Weitere Requirements zielen auf die Fähigkeit eines Systems ab, Angriffe oder Fehlverhalten zu erkennen. In der Bahntechnik oder in Verkehrsleitsystemen bedeutet das nicht, jede Abweichung sofort als Angriff zu werten, sondern ungewöhnliche Muster sichtbar zu machen. Wenn ein Stellwerksmodul plötzlich Kommunikationsversuche ausführt, die nicht zum normalen Betriebsprofil passen, entsteht ein technischer Hinweis, der bewertet werden kann. Die Norm verlangt nicht die Reaktion selbst, sondern die Fähigkeit zur Erkennung und Nachvollziehbarkeit.

Auch Anforderungen an Verfügbarkeit und Wiederanlauf werden häufig missverstanden. Die Norm schreibt keine bestimmte Redundanz vor, sondern fordert, dass Systeme ihre Funktion auch unter Störungen kontrolliert wieder aufnehmen können. In der Praxis bedeutet das beispielsweise, dass ein Verkehrssystem nach einem Ausfall nicht in einen undefinierten Zustand zurückkehrt oder dass eine Wasseraufbereitungsanlage nach Wartungsarbeiten nachvollziehbar wieder in den sicheren Betrieb überführt wird.

Über alle SR-Bereiche hinweg zeigt sich ein gemeinsames Muster: Die Norm gibt den Rahmen vor, die technische Übersetzung entsteht aus dem Zusammenspiel von Architektur, Risikoanalyse und betrieblichem Verständnis. Gute Umsetzungen sind selten spektakulär. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie konsistent, nachvollziehbar und übertragbar sind.

Organisationen, die diesen Übersetzungsprozess beherrschen, verlieren die Angst vor Normen. Die Anforderungen werden nicht mehr als abstrakte Pflichten wahrgenommen, sondern als Orientierungshilfe für stabile, überprüfbare Systeme. Genau darin liegt der eigentliche Nutzen der IEC 62443: Sie zwingt nicht zu bestimmten Lösungen, sondern zu sauberem Denken – und zu Technik, die diesem Denken folgt.