Europas KI-Transformation: Zeit zu handeln

Jonathan Zwaan (CEO, Zander Labs)2

Jonathan Zwaan, CEO von Zander Labs

 

Europa befindet sich derzeit an einem Scheideweg. Die KI-Transformation revolutioniert alle Bereiche unserer Gesellschaft – von unserem Privatleben bis hin zur Art und Weise, wie wir lernen und arbeiten. Die großen Treiber dieser transformativen Welle sind die Technologiegiganten und KI-Konzerne. Mit neuer Hardware, neuen großen Sprachmodellen und agentischen KI-Systemen verschieben sie kontinuierlich die Grenzen des Denk- und Machbaren. Europa, als ein wichtiger Standort dieser Entwicklung, hat hier sein Potential noch lange nicht ausgeschöpft. An Ideen, Denkern und Visionären mangelt es ihm nicht. Aber: will es ganz vorne mit dabei sein, wenn es darum geht, von der nächsten KI-Generation zu profitieren, wird es um vier zentrale Schritte nicht herumkommen.

 

Schritt 1: Ausbau der KI-Infrastruktur

Eine wesentliche Schwachstelle aufstrebender KI-Unternehmen und -Start-ups in Europa ist die gegenüber ihrer internationalen Konkurrenz derzeit immer noch nur schwach entwickelte KI-Infrastruktur. Nach wie vor besteht eine starke Abhängigkeit von nicht-europäischen Fabriken und Herstellern. Zwar schreitet der Bau von KI-Fabriken auch in Europa stetig voran, international – im Vergleich mit anderen Industriestandorten – hinkt Europa aber nach wie vor hinterher.

Eine Zunahme von supranationalen Projekten der stärksten Industrienationen Europas könnte helfen, die europäische KI-Start-up-Szene langfristig zu stärken. Als bedeutender Schritt in die richtige Richtung ist hier etwa der kürzlich von der Europäischen Kommission angekündigte EU-Inc.-Vorschlag zu nennen: eine neue paneuropäische Unternehmensstruktur, die es Unternehmern ermöglichen soll, in einem EU-Land eine juristische Person zu registrieren, die dann nach einheitlichen Regeln für Gründung, Unternehmensführung und Investitionen nahtlos in allen 27 EU-Mitgliedstaaten operieren kann. Heute muss ein europäisches Start-up, das expandieren möchte, 60 verschiedenen Gesellschaftsformen in bis zu 27 unterschiedlichen Versionen des Gesellschaftsrechts navigieren – eine hochkomplexe Angelegenheit, die Investoren abschreckt und das Wachstum europäischer Unternehmen verlangsamt. EU-Inc. soll das ändern. Die Beseitigung struktureller Hindernisse wird es Europa ermöglichen, seine erstklassigen wissenschaftlichen Erkenntnisse rascher und zielgerichteter als bisher in global wettbewerbsfähige Unternehmen zu überführen.

 

Schritt 2: mehr Wachstumskapital und Erfahrungsschatz

Ein Grund, warum viele Start-ups in den vergangenen Jahren Europa den Rücken gekehrt haben, ist das schwierige Investitionsklima. Während Europa bereit ist, junge Unternehmen mit zukunftsweisenden Ideen in der Frühphase zu unterstützen, mangelt es in den folgenden Phasen häufig an Skalierungskapital – die Art von Wachstumsfinanzierung, die Unternehmen über Series B und C hinausträgt, um dann auch auf globaler Ebene mit der Konkurrenz Schritt halten zu können. Gerade im Deeptech-Bereich, in dem der Aufbau von KI in aller Regel an die Grenzen des Machbaren – von Sensorsystemen oder Neurotechnologie – geht und oft länger dauert, als klassische Venture-Zeitrahmen es erlauben, kann diese Investitionslücke extrem schädliche Auswirkungen haben. Unternehmen müssen sich dann der Herausforderung stellen, die finanzielle Distanz zwischen einer frühen wissenschaftlichen Validierung und der Entwicklung hin zu einem global wettbewerbsfähigen Unternehmen irgendwie zu überbrücken.

Häufig geschieht das dann über die Abwanderung der klügsten Köpfe und vielversprechendsten Ideen in einem sogenannten „Flip” – einem Prozess, bei dem vielversprechende europäische Unternehmen gezwungen sind, ihren Sitz ins nicht-europäische Ausland zu verlegen oder sich umzustrukturieren, um so Zugang zum dringend benötigten Wachstumskapital zu erhalten. Bei KI-Unternehmen kann dieser Prozess für das Ursprungsland – stimmen die Wertevorstellungen der Staaten nicht miteinander überein – rasch handfeste Probleme zur Folge haben. Will Europa hier nicht nur technologisch mithalten, sondern seine eigenen Werte in der KI fest verankert sehen, wird es bereit sein müssen, diesen Anspruch auch finanziell zu unterstreichen. Andernfalls wird es das Feld der KI anderen Spielern überlassen und allenfalls hoffen dürfen, dass nicht-europäische Akteure seine Werte schon irgendwie berücksichtigen werden.

Mehr Wachstumskapital allein wird aber auch nicht genügen. Ein breit aufgestelltes Ökosystem benötigt auch ausreichend Zeit, um sich erfolgreich entwickeln zu können. Europa steht immer noch am Anfang, sich ein Netzwerk erfahrener Gründer aufzubauen – Alumni von Unternehmen wie Google oder Apple, die in Beiräten sitzen, die nächste Generation begleiten und die Art von ehrlicher, fachspezifischer Herausforderung bieten, die die besten Ökosysteme auszeichnet. Diese Erfahrungstiefe lässt sich nicht auf die Schnelle erzeugen. Sie muss über lange Zeiträume gezielt kultiviert werden.

 

Schritt 3: Regulatorische Klarheit

Wir alle glauben an eine robuste, wohlüberlegte Regulierung von KI – nicht nur in Europa, sondern weltweit. Tempo und Ausmaß der KI-Entwicklung, die man derzeit mitverfolgen kann, haben tiefgreifende Auswirkungen auf Gesellschaft, Sicherheit und Menschenrechte. Ein klarer und konsistenter internationaler Rahmen ist hier unerlässlich.

Die richtige Regulierung der KI-Entwicklung erfordert vor allem drei Dinge: Zeit, Beratung und die intensive Einbeziehung all derjenigen, die von ihr betroffen sind. Der EU AI Act ist ein aufrichtiger Versuch, ein komplexes, sich schnell entwickelndes Feld sorgfältig zu regulieren – eine extrem anspruchsvolle Aufgabe. Forscher, Praktiker und Fachexperten haben die berechtigte Frage aufgeworfen, ob ihr Feedback im Entwurf, bevor er als Gesetz verabschiedet worden ist, ausreichend Berücksichtigung gefunden hat. Bergen einige seiner Bestimmungen doch das Risiko, genau dort Hürden aufzubauen, wo europäische Innovation eigentlich am dringendsten Freiräume bräuchte. Eine Regulierung, die europäische Unternehmen unverhältnismäßig stärker belastet als ihre internationale Konkurrenz – ohne gleichzeitig auf globaler Ebene entsprechende Schutzmaßnahmen zu implementieren – gefährdet genau die Ziele, die sie eigentlich schützen soll. In der gegenwärtigen Lage ist diese Sorge besonders akut.

Auf der anderen Seite: Auf dem Gebiet der KI europäische Führungsstärke zu demonstrieren und zu etablieren, wird es europäischen Unternehmen ermöglichen, die Werte und Standards, die intelligente Systeme in den kommenden Jahrzehnten prägen werden, aktiv mitzugestalten. Der hier etablierte fortlaufende Dialog zwischen Gesetzgebern, Wissenschaft und Innovationsökosystem ist ein wesentlicher Bestandteil einer gut funktionierenden KI-Regulierung. Der EU AI Act bringt deshalb die besten Voraussetzungen mit, zu einem echten globalen Standard zu werden. Seine Möglichkeiten voll zu entfalten, wird aber einen guten Ausgleich zwischen regulatorischer Strenge und Offenheit erfordern.

 

Schritt 4: Die nächste KI-Welle nicht ungenutzt vorbeiziehen lassen

Jenseits von Infrastruktur, Kapital und Regulierung liegt schließlich noch eine tiefergehende, strategische Frage: Welche Art von KI-Führungsrolle möchte Europa eigentlich übernehmen?

Die aktuelle Welle des KI-Fortschritts – das Skalieren von Foundation Models – nähert sich einer Grenze, mit der die Branche gerade erst beginnt, sich ernsthaft auseinanderzusetzen. Die nächste Welle wird durch die Integration von KI in reale physische und menschliche Systeme definiert werden. Sie wird Krankenhäuser, Fabriken, Cockpits und Verteidigungsumgebungen betreffen. Die heutige KI ist außergewöhnlich gut im Verarbeiten von Daten. Nach wie vor fehlt ihr aber noch immer der menschliche Kontext. Sie reagiert auf Klicks und Token, bleibt aber blind gegenüber der Absicht, der Aufmerksamkeit und dem mentalen Zustand der Person auf der anderen Seite der Schnittstelle. Je tiefer KI in sicherheitskritische Umgebungen eindringt, desto mehr wird die Lücke zwischen dem, was Maschinen vorhersagen, und dem, was Menschen tatsächlich meinen, zu einem echten operativen und sicherheitsrelevanten Risiko werden.

Und genau hier nun werden Europas Stärken strategisch relevant. Europäischer Deeptech ist besonders stark in domänenspezifischen Bereichen – Medizintechnik, industrielle KI, sicherheitskritische Systeme, Neurotechnologie – wo wissenschaftliche Tiefe, regulatorische Sorgfalt und enge Zusammenarbeit mit realen Branchen echte Wettbewerbsvorteile bieten. Organisationen und Ökosysteme, die lernen, menschliche Kognition als nativen Input für KI-Systeme zu integrieren – nicht nur zu beobachten, was Menschen tun, sondern zu verstehen, was sie erleben – werden die nächste Generation intelligenter Systeme definieren. Europa hat die Wissenschaft, um hierin führend zu sein. Die Frage ist nur, ob es ihm auch gelingen wird, die entsprechenden Unternehmen auf- und auszubauen.

 

Die kommenden Schritte gemeinsam gestalten

Bei der KI-Entwicklung und -Transformation hat Europa ein klares Defizit – aber kein unüberwindbares. Es verfügt über die fortschrittlichste KI-Gesetzgebung der Welt und erstklassige wissenschaftliche Institutionen. Seine politischen Entscheidungsträger und Investoren zeigen ein wachsendes Bewusstsein dafür, was sich ändern muss, um erfolgreich zu sein. Noch fehlenden Bausteine sind Skalierungskapital, klügere Beschaffungspolitik, ein funktionierendes einheitliches Innovationsökosystem und der Mut, europäischem Deeptech den Weg hin zur globalen Skalierung zu eröffnen.

Wenn Europa Infrastruktur, Gesetzgebung, Investitionsstrategie und echten Marktzugang miteinander verbinden kann, werden sich die einzelnen Puzzleteile zu einem klaren Bild – mit Europa als KI-Zentrum– zusammenfügen lassen. Sollte es dagegen versäumt werden, dieses Bild zu schärfen und zu konkretisieren, droht Europa der sehr reale Verlust seiner besten Ideen, Denker und Visionäre – und damit seiner Fähigkeit, die Werte mitzugestalten, die die nächste KI-Generation in die Welt tragen wird.