Geld war lange neutral. Es war ein Werkzeug des Austauschs. Nicht mehr, nicht weniger. Es wechselte den Besitzer, und zog sich zurück. Ohne zu wissen, wer ihn trug. Mit zunehmender Digitalisierung beginnt sich diese Rolle zu verändern. Nicht plötzlich. Nicht dramatisch. Sondern schrittweise.
Ein digitales Zahlungssystem ist mehr als ein Ersatz für Bargeld. Es ist eine Infrastruktur. Und Infrastrukturen tragen Regeln. Ein digitales Guthaben kann Bedingungen tragen, z.B. wo es ausgegeben werden darf, wann es gültig ist, wofür es vorgesehen ist. Nicht als Strafe. Als Funktion.
Ein Gutschein läuft ab. Ein Zweckbetrag ist gekoppelt. Eine Unterstützung ist zeitlich begrenzt. Alles bekannt. Alles nachvollziehbar. Doch was bedeutet das, wenn diese Logik auf allgemeines Geld trifft?
Denn Geld ist mehr als Zahlung. Es ist Bewegung. Entscheidung. Freiheit im Alltag.
Alexander Tsolkas – Tsolkas IT Services GmbH & Co. KG und Gründer von Sectank
Johannes Priesemann schreibt in Das Geld gehört uns allen!. Geld ist ein öffentliches Gut, dessen Nutzen sich private Akteure zunehmend aneignen. Durch digitale Plattformen, Finanztechnologien und globale Netzwerke wird nicht nur Geld bewegt, sondern zugleich das Wissen über Verhalten und Entscheidungen der Menschen selbst. Zentralbanken haben es versäumt, diesen Entwicklungen klare Antworten zu geben, doch gerade dies zeigt, wie stark Geld und Macht heute verknüpft sind.
Wenn ein Einkommen nicht nur verbucht, sondern kategorisiert wird, wenn Ausgaben nicht nur registriert, sondern bewertet werden, dann verändert sich Geld von einer Möglichkeit zu einer Vorgabe. Man merkt es zunächst nicht. Der Alltag läuft weiter. Der Einkauf funktioniert. Die Miete wird bezahlt.
Doch bestimmte Dinge werden unmöglich. Nicht verboten. Unmöglich. Ein Produkt lässt sich nicht kaufen.
Eine Zahlung wird abgelehnt. Ein Transfer ist nicht vorgesehen. Der Bildschirm erklärt nichts. Er zeigt nur einen Hinweis.
„Nicht zulässig.“
„Nicht verfügbar.“
„Nicht vorgesehen.“
Das System handelt korrekt. Diese neue Form des Geldes muss nicht oft eingreifen. Es reicht, dass sie es kann. Denn Möglichkeit verändert Verhalten. Der Mensch beginnt, vorauszudenken.
Was ist erlaubt?
Was passt?
Was fällt auf?
Nicht aus Angst. Sondern aus Gewöhnung. Das Geld selbst wird zum Hinweisgeber. Zum stillen Erzieher.
Zum Rahmen des Alltags. Was früher Entscheidung war, wird zur Auswahl aus Optionen. Was früher Freiheit war, wird Nutzung eines vorgesehenen Rahmens.
Besonders deutlich wird dies dort, wo Geld und Identität zusammenfallen.
Wenn ein Konto nicht nur ein Konto ist, sondern Teil eines persönlichen Status. Wenn Zugang nicht nur vom Guthaben abhängt, sondern von Gültigkeit. Dann wird Geld zu einem Instrument der Ordnung. Nicht repressiv. Nicht sichtbar. Aber wirksam.
Ein Staat muss nichts konfiszieren. Er muss nichts verbieten. Er muss nur definieren, was vorgesehen ist. Der Mensch bleibt versorgt. Aber nicht frei. Denn Freiheit bedeutet nicht nur, dass Bedürfnisse erfüllt werden.
Freiheit bedeutet, dass man sich irren darf. Dass man falsche Entscheidungen treffen darf. Dass man Dinge tun darf, die nicht vorgesehen sind. Ein Geldsystem, das nur das Richtige ermöglicht, nimmt dem Menschen diese Erfahrung. Es schützt und beschneidet zugleich.
Artikel 6 stellt deshalb keine ökonomische Frage. Er stellt eine menschliche.
Was bleibt von Freiheit, wenn Geld nicht mehr neutral ist, sondern Verhalten lenkt?
Und was geschieht, wenn das öffentliche Gut „Geld“ zur Bedingung seiner Nutzung wird?
Geld kann heute mehr als zahlen. Es kann Bedingungen tragen. Der nächste Schritt ist unscheinbar.
Aber entscheidend. Was geschieht, wenn Geld nicht nur zweckgebunden ist, sondern zeitlich begrenzt? Wenn Guthaben nicht verfällt, sondern abläuft. Lesen Sie morgen in Artikel 7 – Das Ablaufdatum.
Über Geld, das nicht mehr gehört, sondern genutzt werden muss.




