Das Jahr 2026 markiert voraussichtlich eine historische Zäsur in der digitalen Evolution – einen Wendepunkt, an dem wir die Ära verlassen, in der das Internet primär von menschlichen Klicks gesteuert wurde, und endgültig die Phase der „Agent Economy“ betreten. Eine Wirtschaft, in der Software nicht mehr nur assistiert, sondern autonom handelt.
Während das vergangene Jahr noch stark im Zeichen der Abwehr von Deepfakes und Betrugsversuchen stand, wird 2026 das Jahr sein, in dem Unternehmen die Flucht nach vorn antreten müssen. Angesichts der Erkenntnisse aus dem aktuellen Lagebericht des BSI, wonach der „Faktor Mensch“ aufgrund von Überforderung und Komplexität zunehmend zur Achillesferse der IT-Sicherheit wird, muss eine Infrastruktur entstehen, die Sicherheit automatisiert und Identitäten verifizierbar macht – egal ob Mensch oder Maschine.
Drei zentrale Entwicklungen werden das kommende Jahr prägen:
- Die neue Workforce: Identitäts-Governance für KI-Akteure
Künstliche Intelligenz (KI) wandelt sich vom passiven Werkzeug zum aktiven Akteur. 2026 werden wir erleben, dass autonome KI-Agenten in Unternehmensnetzwerken nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel sind. Sie buchen Reisen, verhandeln Preise im Einkauf oder steuern Support-Prozesse. Das Sicherheitsparadigma, das bisher rein auf menschliche Nutzer ausgerichtet war, greift hier zu kurz. Ein autonomer Agent ohne eindeutig zugewiesene und verifizierbare Identität stellt ein unkalkulierbares Risiko dar.
Die Prognose für 2026 lautet daher: Identitätsmanagement wird zur „Identity Governance for AI“ erweitert. Unternehmen müssen jederzeit beantworten können: Welcher Agent hat wann, warum und mit wessen Autorisierung auf Daten zugegriffen? Die digitale Identität wird zur Lizenz zum Handeln – für Silizium genauso wie für Menschen.
- Die Digitale Wallet als Anker gegen Desinformation
In einer Welt, in der generative KI Stimmen und Gesichter täuschend echt simulieren kann, wird der kryptografische Beweis der „Echtheit“ zur wertvollsten Währung. Hier kommt der europäischen Initiative zur Digitalen Wallet (EUDI-Wallet) eine Schlüsselrolle zu. Sie ist weit mehr als nur der digitale Personalausweis auf dem Smartphone; sie wird zum fundamentalen Anker für Online-Vertrauen und zum Gegengewicht gegen massenhafte Desinformation.
Technologien wie Verifiable Credentials ermöglichen es Nutzern, Attribute – wie etwa das Alter oder die Eigenschaft „ich bin ein echter Mensch“ – sicher zu teilen, ohne unnötige Metadaten preiszugeben. Dies fördert das Prinzip der Datensparsamkeit und entzieht zentralen Datenspeichern („Honeypots“), die attraktive Ziele für Angreifer sind, den Nährboden.
- „Continuous Authentication“ beendet die Passwort-Müdigkeit
Die Sicherheitsmüdigkeit der Nutzer hat einen kritischen Punkt erreicht. Komplexe Passwort-Vorgaben und ständige, manuelle Re-Authentifizierungen führen oft zu Umgehungsstrategien, die die Sicherheit untergraben. Der Trend für 2026 geht daher weg von der punktuellen Abfrage hin zu „Continuous Authentication“ (kontinuierliche Authentifizierung). Anstatt den Nutzer alle zehn Minuten aktiv zu prüfen, werden Systeme im Hintergrund kontinuierlich Risikosignale (Geräte-Status, Verhalten, Ort) bewerten.
In Kombination mit passwortlosen Verfahren (Passkeys) wird Sicherheit 2026 zunehmend unsichtbar. Das Ziel ist eine „Zero-Friction“-Erfahrung für legitime Nutzer – während KI-gestützte Abwehrsysteme im Hintergrund Angreifer und Bots in Echtzeit blockieren.
Fazit: Vertrauen muss orchestriert werden
2026 wird nicht das Jahr, in dem die Cyberkriminalität abnimmt – sie wird durch KI vielmehr noch automatisierter und skalierbarer. Doch die Abwehrseite rüstet auf. Die Kombination aus strikter Governance für Maschinen-Identitäten, der staatlich flankierten Sicherheit digitaler Wallets und einer nutzerfreundlichen, passwortlosen Authentifizierung bildet das neue Dreieck der digitalen Resilienz.
Implizites Vertrauen funktioniert nicht mehr, und selbst explizites Vertrauen reicht nicht in allen Fällen aus. Zero Trust bedeutet: Es gibt kein „Innen“ und „Außen“ mehr. Man muss davon ausgehen, dass Angreifer bereits im System sind. Wer diese Transformation jetzt angeht, macht aus der Sicherheitslücke Mensch die Sicherheitsfestung Identität.
Von Henning Dittmer, RVP DACH bei Ping Identity.



