Artikelserie Digitale ID – Artikel 2 – Der Schlüssel zum Leben

Digitale Identifikation in rotem Licht

Eine digitale Identität ist kein Ausweis. Sie ist kein Dokument, das man vorzeigt und wieder einsteckt. Sie ist kein Beweis, sondern eine Bedingung. Sie ist ein Mechanismus.

Mit ihr verschiebt sich eine Ordnung, die über Jahrhunderte selbstverständlich war. Identität bedeutete einst jemand ist er selbst, unabhängig davon, was er tut, denkt oder darf. Sie beschrieb den Menschen. Sie entschied nichts.

Mit der digitalen Identität ändert sich das. Identität beschreibt nicht mehr. Sie schaltet.

Früher wurde gefragt: Wer bist du? Heute wird gefragt: Bist du gültig? Diese Gültigkeit ist kein moralischer Zustand. Sie ist kein Urteil. Sie ist ein technischer Status.

Identität wird zum Schlüsselbund. Ein Schlüssel für Arbeit. Ein Schlüssel für Mobilität. Ein Schlüssel für Zahlung. Ein Schlüssel für Kommunikation. Ein Schlüssel für Teilhabe.

Solange alle Schlüssel passen, fühlt sich nichts anders an. Der Mensch lebt weiter. Er arbeitet, reist, zahlt, kommuniziert. Gerade deshalb ist der Wandel so unscheinbar.

Denn der Schlüssel gehört nicht dem Träger. Er liegt nicht in seiner Tasche. Er liegt im System, das ihn ausstellt, prüft, aktualisiert und entzieht. Ein Update genügt. Eine neue Richtlinie. Eine zusätzliche Voraussetzung. Eine veränderte Definition von Ordnung.

Und plötzlich öffnet sich eine Tür nicht mehr. Keine Warnung. Kein Gespräch. Kein Einspruch. Der Bildschirm bleibt leer. Der Zugang ist gesperrt. Der Vorgang ist technisch korrekt. Das Leben wird nicht verboten. Es wird unzugänglich.

Diese Form von Macht ist neu. Sie ist nicht brutal. Sie ist nicht sichtbar. Sie ist effizient. Sie braucht keine Gewalt. Sie braucht keine Befehle. Sie braucht keine Drohung. Sie wirkt durch Struktur.

Alexander Tsolkas – Tsolkas IT Services GmbH & Co. KG  und Gründer von Sectank

Ein Mensch mit digitaler Identität lebt nicht in ständiger Unterdrückung. Er lebt in ständiger Abhängigkeit von Gültigkeit. Solange alles übereinstimmt, ist er frei. Sobald etwas abweicht, wird Freiheit zur Variable. Nicht, weil jemand böse handelt. Sondern weil Systeme nicht verhandeln. Ein System kennt keine Biografie. Kein Gewissen. Kein Erbarmen. Es kennt Regeln. Und Regeln gelten immer.

Das macht diese Form der Kontrolle so stabil. Sie ist nicht emotional. Sie ist nicht ideologisch. Sie ist korrekt.

Der Mensch wird nicht gezwungen, etwas zu tun. Er wird daran gehindert, etwas zu lassen.

Und genau darin liegt der Unterschied.

Freiheit besteht nicht darin, dass Türen offenstehen. Freiheit besteht darin, dass sie sich nicht aus der Ferne schließen lassen. Nicht heute. Nicht morgen. Nicht irgendwann. Darum ist diese Frage keine Zukunftsfrage. Sie ist eine Gegenwartsfrage.

Und sie beginnt nicht beim Geld. Nicht bei der Technik. Nicht bei der Verwaltung.

Sie beginnt bei der Identität.

Ausblick auf morgen – Artikel 3

Morgen geht es nicht um Verbote. Nicht um Gesetze. Nicht um Strafen. Morgen geht es um etwas Unscheinbareres.

Um den Moment, in dem nichts passiert und genau das das Problem ist. Artikel 3 zeigt, wie Ausschluss funktioniert,
wenn niemand Nein sagt, niemand erklärt und niemand verantwortlich erscheint. Nicht sichtbar. Nicht angreifbar. Nur korrekt. Morgen: Die unsichtbare Sperre.