Jedes Jahr ab Oktober haben Logistikzentren und Versandhändler Hochkonjunktur: Dem Shopping-Spektakel Black Friday geht die Black Week mit Rabatten und Angeboten en masse voraus. Die leergekauften Lagerhallen und Schaufenster werden jedoch schnell wieder gefüllt, denn mit dem November beginnt nahtlos die Vorweihnachtszeit. So geht das geschäftige Treiben munter weiter und die Lieferketten laufen auf Hochtouren. Mit der Shoppingsaison zum Jahresende wartet auf Führungskräfte und CISOs aber nicht nur der erhoffte Kundenansturm, sondern auch der größte Reifetest des Jahres in Sachen IT-Sicherheit.
Denn hinter jedem geschmückten Schaufenster und jedem geschäftigen Distributionszentrum stehen unzählige Mitarbeiter, die hinter den Kulissen erst eingestellt, dann eingearbeitet werden und anschließend Zugriff auf die entsprechenden IT-Systeme erhalten müssen. Damit geht die Sicherung zahlreicher temporärer, digitaler Identitäten einher. Diese sind für den reibungslosen betrieblichen Ablauf in dieser absatzreichen Phase unabdinglich. Allerdings können sie auch potenzielle Sicherheitsprobleme darstellen und die besinnliche Zeit zu einem Katz- und Maus-Spiel mit Cyberkriminellen machen.
Das Dilemma von Umsatzpotenzial und Sicherheitsrisiken
Mit jeder Neueinstellung entsteht ein Nutzerkonto, das ein potenzielles Risiko für Unternehmen darstellen kann, wenn es nicht nach zeitgenössischen Sicherheitsstandards verwaltet wird. Mit dem Personal wächst automatisch auch die Angriffsfläche von Einzel- und Onlinehändlern sowie der gesamten dahinterliegenden Lieferkette. Denn auch Zulieferer und Partner müssen sich selbstredend an das steigende Tempo und die stärkere Auftragslage in der Vorweihnachtszeit anpassen. Da der menschliche Faktor das Haupteinfallstor für Sicherheitsrisiken ist, müssen Unternehmen dazu übergehen, die Identität in das Zentrum von Sicherheitsarchitekturen zu stellen. Das ist essenziell in Phasen, in denen Zugangspunkte für Saisonarbeiter, Auftragnehmer oder Systeme bereitgestellt werden.
Für Unternehmen, die in dieser Hinsicht nicht lückenlos aufgestellt sind, kann aus der umsatzstarken Weihnachtszeit ein strategisches Dilemma werden. Denn die unsichere Verbrauchernachfrage, potenziell komplexe Lieferketten und die beschriebenen IT-Sicherheitsrisiken sind allesamt große Unsicherheitsfaktoren. Der Drang, schnell zu expandieren sowie die Nachfrage zu decken, wird obendrein (und bestenfalls) von der Notwendigkeit, das auch auf sicherere Weise zu tun, übertroffen. Manche Einzelhändler stellen von November bis Dezember Tausende von Mitarbeitern pro Woche ein, nur um dann Anfang Januar viele von ihnen zu entlassen oder umzuverteilen.
Diese saisonalen Wellen lösen wiederum eine Lawine von Aufgaben für das Identitätsmanagement aus: neue Konten, erweiterte Berechtigungen und beschleunigte Zugriffsanfragen – die alle präzise ausgestellt, nachverfolgt und widerrufen werden müssen.
Für Sicherheitsverantwortliche ist das Jahresende also mit der komplexen Verwaltung temporärer Identitäten verbunden. Die komprimierten Zeitrahmen, die erhöhten Privilegien und die schnelle Fluktuation schaffen eine Vielzahl an Herausforderungen im Identitätsmanagement, die das Weihnachtsgeschäft und die Betriebsfähigkeit beeinträchtigen können.
Automatisierung entlastet IT-Teams und erhöht die Sicherheit drastisch
Der Hochbetrieb zum Jahresendspurt muss für IT-Sicherheitsteams jedoch keinen Ausnahmezustand bedeuten. Um die Risiken in Schach zu halten, ist zunächst der Wechsel zu einem automatisierten Identitätsmanagement entscheidend für die Optimierung der Sicherheit und die Maximierung der betrieblichen Effizienz. Bei komplexeren Zugriffslandschaften bieten sich beispielsweise automatisierte Provisioning- und Deprovisioning-Prozesse an. Sie stellen sicher, dass Identitäten genau dann Zugriff erhalten, wenn sie benötigt werden, und dass sie bei Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses sofort wieder entzogen werden. So schließt man Sicherheitslücken, bevor sie entstehen, und die IT-Abteilung wird von administrativen Routineaufgaben befreit. Darüber hinaus kann es eine Option sein, Lizenzen von genutzten Produkten zu vergeben und damit signifikant Kosten einsparen.
In der Praxis gelingt dies durch die tiefe Integration der Zugriffsverwaltung in bestehende HR-, Gehalts- und Planungstools. Anstatt auf langsame Ticketsysteme zu warten, reagiert die IT-Infrastruktur in Echtzeit auf Veränderungen in der Belegschaft. Das ermöglicht enorme Flexibilität: Berechtigungen bleiben nicht starr, sondern passen sich dynamisch an, wenn Mitarbeiter beispielsweise vom Einräumen der Regale am Black Friday an die Kasse wechseln. Neu eingestellte Kräfte sind sofort einsatzbereit, verfügen aber dank automatisierter Lebenszyklen immer nur über die Rechte, die für ihre aktuelle Rolle zwingend notwendig sind.
Dabei spannt das „Least-Privilege-Prinzip“ das fundamentale Sicherheitsnetz: Jeder Mitarbeiter, ob Stammbelegschaft oder Aushilfe, ist strikt auf seine betrieblichen Bedürfnisse beschränkt. Das verhindert gefährliche „Just-in-Case“-Berechtigungen oder verwaiste Konten, die nach Projektende aktiv bleiben. Flankiert wird dieser Ansatz durch eine konsequente Zero Trust-Strategie, die auf kontinuierliche Authentifizierung und kontextabhängige Überprüfungen setzt. Gerade wenn Personal schnell Schichten oder Standorte wechselt, bleibt garantiert, dass der Sicherheitsstandard mit den betrieblichen Anforderungen wächst, ohne die Effizienz zu bremsen.
Sieben praktische Schritte für Identity Governance in der Shopping-Saison
Diese Grundprinzipien sind allerdings nur das absolute Minimum effektiver IGA-Prozesse. Dazu gibt es weitere konkrete Schritte, die Unternehmen in Zeiten saisonaler Spitzen beim Identitätsmanagement helfen. Solche Best Practices stellen ein Gleichgewicht zwischen Geschwindigkeit und Sicherheit her.
Die folgenden Strategien bieten einen praktischen Rahmen, um saisonale Einstellungsprozesse von einem Compliance-Risiko zu einem kontrollierten, jährlich wiederholbaren Prozess zu verwandeln:
- Schnelles Onboarding: IGA-gesteuerte Workflows können Konten und Berechtigungen direkt zum Zeitpunkt der Einstellung erstellen. Dadurch entfallen Wartezeiten durch manuelle Aktualisierungen oder die Bearbeitung von IT-Tickets.
- Automatisches Offboarding: Saisonale Anmeldungen werden so konfiguriert, dass sie bei Vertragsende automatisch erlöschen. Notwendige Ausnahmen durchlaufen dabei definierte, sichere und überprüfbare Genehmigungsprozesse.
- Kontinuierliche Bereinigung: Wöchentliche Überprüfungen mittels automatischer Berichte identifizieren veraltete, inaktive oder doppelte Konten. Das sorgt für Compliance-konforme „Cyberhygiene“, sobald die Belegschaftsstärke im neuen Jahr womöglich wieder abnimmt.
- Rollenbasierte Berechtigungen: Durch diese werden Zugriffsrechte exakt auf die jeweilige Funktion der Mitarbeiter ausgerichtet. Richtlinien passen sich dynamisch an, sobald sich saisonale Rollen während Feiertage verändern.
- Zero Trust-Überwachung: Durch den Einsatz adaptiver Authentifizierung und Verhaltensanalysen lassen sich anomale Zugriffe gezielt erkennen. Der Fokus liegt dabei auf Auffälligkeiten wie erhöhten Berechtigungen, nächtlichen Anmeldungen oder untypischen Nutzungsmustern.
- Einhaltung und Prüfung: Regelmäßige Zertifizierungskampagnen stellen sicher, dass Manager und die IT alle Zugriffe mindestens monatlich oder nach Massenabgängen validieren. Audit-Protokolle sollten zudem jeden Ein- und Austritt lückenlos dokumentieren.
- Widerstandsfähigkeit für die Zukunft: Jede Shoppingsaison dient als Stresstest für die Sicherheitsarchitektur. Messdaten zu Onboarding-Fehlern, Zugriffsanpassungen und Vorfällen mit privilegierten Konten bilden die Basis, um Richtlinien kontinuierlich zu verfeinern.
Die Einstellung von Mitarbeitern zum Jahresende ist für moderne Unternehmen sowohl eine Herausforderung als auch ein Prüfstein. Automatisierung, minimale Privilegien, dynamische Richtlinien und Zero Trust-Prinzipien müssen vor allem in der Urlaubszeit aufeinander abgestimmt werden.
Durch die Einführung der richtigen Governance-Technologien und Best Practices verwandeln Unternehmen die geschäftige Weihnachtszeit vom hektischen Gedränge in einen erfolgreichen Jahresabschluss. So schützen sie nicht nur das Vertrauen und die Daten ihrer Kunden, sondern halten auch Vorschriften ein und stellen damit die Weichen für betriebliche Flexibilität, erfolgreiche Audits und einen reibungslosen Rutsch in ein aussichtsreiches, sicheres neues Jahr.
Von Thomas Müller-Martin, Field Strategist DACH bei Omada Identity



